[aus Archiv KW 17 vom 22.04.2009]
In dieser Woche vor 21 Jahren...
...ließ Coca Cola ein Plakat des Borcherttheaters verbieten.Ende der 1980er Jahre war das Wolfgang-Borchert-Theater noch am Bahnhof. Weil es nur 99 Plätze hatte, hieß es auch »Zimmertheater«.
Dort wollte das Ensemble das Theaterstück »Waschtag« von Friedrich Christian Delius aufführen. Es spielt im alliierten Gefängnis Berlin-Spandau, wo die im Nürnberger Prozess verurteilten Nazigrößen einsaßen. In dem Stück waschen Hitlernachfolger Admiral Dönitz, Hitlers Parteistellvertreter Heß und »Reichsjugendführer« von Schirach ihre Häftlingswäsche und unterhalten sich dabei über alte und neue Zeiten.
(Das Stück basiert teilweise auf authentischen Haft-Tagebuchnotizen des ebenfalls mit den dreien inhaftierten Albert Speer).

Das Plakat zum Stück symbolisierte die Übertünchung der deutschen Geschichte des Dritten Reiches durch US-amerikanische Konsumkultur. Doch dann stürmten Polizisten des Dezernats für politische Straftaten die kleine Bühne und beschlagnahmten die Poster. Bereits geklebte Plakate wurden von den Reklametafeln entfernt. Außerdem wurden 1871 Programmhefte beschlagnahmt.
Urheber der Aktion war der Limonadenkonzern Coca-Cola. Dieser fühlte sich durch das Plakat beleidigt. Weil eine gerichtliche Auseinandersetzung über die Freiheit der Kunst zu umständlich war, klagte Coca-Cola wegen unerlaubter Verwendung seines Warenzeichens. Dem Theaterdirektor drohten ein halbes Jahr Knast und eine halbe Mio. DM Strafgeld.
Obwohl u.a. Der Spiegel für das Theater Partei ergriff, wagte man keinen Prozess, der im Verlustfall den Totalruin bedeutet hätte. Die Aufführung fand mit Ersatzplakaten statt.
Weder der Brausehersteller noch die Gerichte haben die Aussage des Plakatmotivs verstanden und dachten sich: Im Zweifel lieber verbieten...
[zurück zum Archiv]