[aus Archiv KW 23 vom 03.06.2009]
In dieser Woche vor 34 Jahren...
...bekam Münster seine erste moderne Skulptur.Bis in die 1970er Jahre stand das Wort Skulptur in Münster entweder für Kriegerdenkmäler oder Mutter-Gottes-Statuen. Dann schickte die Stadt eine Komission zur Kunstmesse nach Berlin. Dort fanden die Emissäre die Plastik »Drei rotierende Quadrate« des Amerikaners George Rickey.
Für 130.000 DM wurde das Objekt nach Münster verfrachtet. Die Ankündigung der Aufstellung löste eine Welle der Wut auf den Leserbriefseiten der Lokalpresse aus: »Der Stadtrat will die Allgemeinheit mit einer Vogelscheuche terrorisieren!« war noch ein freundlicher Kommentar! Die Lage wurde so prekär, dass sich die Lokalpolitiker Hilfe holten: Sie flehten den Chef der West LB an, die»Vogelscheuche« zu kaufen und der Stadt zu schenken. Prinzip: Dann bist du der Buhmann, aber dich können die Bürger nicht abwählen.
Bankboss Poullain machte mit. Ein paar Jungliberale drohten ihm dafür sogar Schläge an. Inzwischen hatte die überregionale Presse von der Posse Wind bekommen und machte sich genüsslich über uns Provinzler lustig.
Gremmendorfer Schützenbrüder stellten nachts einen selbstgebauten Doppelgänger neben die Skulptur. Die Polizei baute das Gerät wieder ab und lagerte es im Rathauskeller. Dort wurde es von Unbekannten gestohlen und tauchte beim nächsten Rosenmontagszug als Trophäe wieder auf.

Jetzt war aber Schluss! Der Stadtrat hatte genug von dem Theater und beschloss, den Münsteranern Nachhilfe in moderner Kunst zu erteilen – und zwar mit einer großen Skulpturenausstellung in der ganzen Stadt! So entstanden die internationalen »skulptur.projekte« – als Straflektion für die kulturkonservativen Münsteraner.
Die Vogelscheuche, mit der die Lokalpolitiker die Allgemeinheit terrorisieren wollten, erfreut sich heute freundlicher Gleichgültigkeit.
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