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[aus Archiv KW 44 vom 27.10.2009]

In dieser Woche vor 65 Jahren...

...stürzte das Rathaus zusammen.

Münsters Rathaus ist in jeder Hinsicht besonders. Schon der Bauplatz war eine Provokation: Um dem Bischof klarzumachen, dass er sich aus weltlichen Angelegenheiten mal besser raushalten sollte, bauten die Bürger ihr Rathaus genau gegenüber der Domburg, sodass der Bischof es aus seinem Dom ständig sehen musste. Damit die Botschaft auch wirklich ankam, gestalteten sie die Fassade absichtlich übertrieben prächtig. Dieser kindischen Machtdemonstration verdanken wir den schönsten nicht-kirchlichen Gotikbau Deutschlands. Selbst die Wiedertäufer fanden es darin so cool, dass sie den profanen Bau nicht abreißen mochten, obwohl das konsequenter zu ihrer Doktrin von »christlicher Bescheidenheit« gepasst hätte...

Im II. Weltkrieg entging das Rathaus lange den britischen Angriffen, bis am 28. Oktober 1944 Sprengbomben und Phosphorkanister das Gebäude zerstörten. Nur die Fassade stand noch alleine ohne Halt da, bis die Kulisse um genau fünf vor halb sieben abends der Länge nach umfiel.

Nach dem Krieg wollten die westfälischen Dickköppe ihr Rathaus 1:1 wiederhaben, obwohl die FAZ und alle modern gesinnten Architekturprofessoren des Landes heftig dagegen maulten.
Um das Geld aufzubringen, veranstaltete man eine Lotterie: Fast zwei Millionen Lose zu je fünfzig Pfennig wurden verkauft. Die Preise stifteten lokale Firmen und Einzelhändler; am begehrtesten waren die Schinken-Gewinne.

Der seltsamste Einrichtungsgegenstand im Rathaus ist eine abgeschlagene Hand. Wozu das Ding taugt weiß keiner, aber um sie einfach in den Biomüll zu schmeißen ist sie zu schade, wo sich die Touris so schön davor gruseln...


Dank Lotterie wächst hier ein neues Rathaus. Die Preise: 8 Goethe-Bände, 100 Flaschen Doppelkorn,
1 Vogel + Käfig und - jede Menge Schinken!


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